Alcock, Susan E. u.a. (Hrsg.): Pausanias - Travel and Memory
in Roman Greece, Oxford 2001.
Ein Aufsatzband zur Periegesis des PAUSANIAS.
Endlich gelesen! Dieser schmale Band - gleichzeitig ein gutes Beispiel für die Absichten der Annales-Schule - ist mit großem Vergnügen zu lesen. Für Griechenlandfans Pflichtlektüre, weil es griechische Geschichte und Kultur in den notwendigen Gesamtkontext stellt und damit Abschied nimmt von der so weit verbreiteten unkritischen "Gräkomanie".
Karistiani, Joanna: Die Frauen von Andros (Mikra Angalia), aus dem
Neugriechischen von Norbert Hauser, Frankfurt a. Main 2001 (Suhrkamp).
Die Schicksale der an die Insel gebundenen Seefahrerfrauen stehen im Mittelpunkt
des Buches. Auf der einen Seite, der Seite der Frauen, erleben wir Verantwortung
für die Familie, geduldiges Warten, Resignation und Enge, auf der anderen,
der Seite der Männer, richtet sich der Blick auf die Bedeutung und den Einfluss
griechischer Seeleute, Kapitäne und Reeder im globalen Schiffsverkehr. Diese
Hochzeit der griechischen Handelschifffahrt auf Weltniveau endet Mitte des
20. Jahrhunderts zuerst als Folge des 2. Weltkrieges und endgültig dann mit
dem Vordringen der Billigflaggen. Diese meine Beobachtung ist zwar nicht Hauptthema
des Buches, sie stellt sich aber im Hintergrund der Handlung unaufdringlich
ein.
Markaris, Petros: Hellas Channel - Ein Fall für Kostas Charitos
(Nichterinó Deltío), Zürich 2000 (Diogenes), Originalausgabe
Athen 1995.
Wenn ich keine Gelegenheit habe, Athen zu besuchen, folge ich gerne den Spuren
von Kommissar Kostas Charitos und bleibe auf kurzweilge Art und Weise
mit der griechischen Hauptstadt in Verbindung. Dabei erlebe ich kein nostalgisches
Erinnern, sondern bin mitten im modernen Griechenland. Auch werde ich mit
leichter Hand und auf spannende Weise mit Themen konfrontiert, die sich dem
zeitbegrenzt Reisenden nicht so leicht erschließen.
Im Hellas Channel hat Charitos es schwer, seine Ermittlungsarbeit neben
sensationslüsternen Fernsehjurnalisten solide zu erledigen. Der zu lösende
Fall spielt im Albanermillieu mit dem Hintergrund von Organtransplantations-Tourismus
und Adoptionsgeschäft. Mit seinem Vorgesetzten hat Kostas eine stillschweigende
Vereinbarung von konstruktiver Aufgabenteilung. Und das ist erfrischend anders
als z.B. das entsprechende Klisché deutscher Fernsehserien. Wenn dann
der Kriminaldirektor seinem Kommissar durch geschicktes Ausbalancieren zwischen
Verwaltung und Ministerien im Mikrokosmos der Athener Politik die Arbeit erleichtert,
kommen doch noch eigene Erfahrungen und Erinnerungen hoch. Und mit der Gewissheit,
dass lieb gewonnene (Vor-)Urteile wieder einmal bestätgt werden, stelle
ich das Buch zufrieden ins Regal meiner Hellas-Literatur zurück.
Und wer ist Markaris? Für etwas mehr Hintergrund zum Autor kann ich den
(derzeitigen) Wikipedia-Artikel
uneingeschränkt empfehlen.
Dialogauszug S.366:
"Was soll denn aufgefallen sein?"
"Dass alle Kinder Albaner sind. Kein einziger kleiner Grieche ist darunter."
"Wenn daran etwas Auffälliges ist, Herr Kommissar, dann ist es die Tatsache, dass halb Griechenland von Albanern bevölkert ist." [1]
(PT 03/2008)
Markaris, Petros: Live! Ein Fall für Kostas
Charitos, Übersetzung aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger,
Zürich 2004, (Diogenes).
Die Lektüre dieses Markaris-Krimis war wieder ein großes Vergnügen
und die Spannung der Art, dass ich mich zwingen musste, die 514 Seiten auf
zwei Urlaubstage zu verteilen. Wie schon beim Hellas Channel ersetzt der Lesestoff
eine Reise nach Athen. Da stellt sich nämlich zwischen Lykabettos, Kolonaki,
Syntagma und Omonia einerseits wieder dieses Athen-Feeling ein, andererseits
aber auch die Überzeugung, die Smog- und Verkehrshölle des Athener
Sommers besser zu meiden.
Da Kommisar Charitos diesmal mit Einverständnis von Kriminaldirektor
Gikas während eines Genesungsurlaubs verdeckt ermittelt, werden seine
häuslich-familiären Verhältnisse Teil der Bühne. Auf ihr
erscheinen Tochter Katerini, die in Thessaloniki Jura studiert, Schwiegersohn
in spe Fanis, der Kardialoge und natürlich Frau Adriani. Ihre gefüllten
Tomaten, selbstgewickelten Dolmades und Auberginen
Imam verheißen alle Köstlichkeiten der griechischen Küche,
wenn sie Kriminalwachtmeisterin Koula in die überlieferten Rezepte einweiht.
Kostas Charitos ermittelt im Dreieck von Wirtschaft, Medien und Politik wieder
bedächtig aber zielstrebig. Da mich ganz zum Schluss das Mordmotiv nicht
so recht zu überzeugen vermochte, erreicht meine Wertung allerdings nur
4 Sterne. Trotzdem, gleich morgen kaufe ich den nächsten Markaris-Band.
PT, Juli 2008
Tsemelis, Nikos: Jenseits von Epirus (Anasitissi), München 2001, Übertragung
von Norbert Hauser, (Piper).
Eine Lebensgeschichte aus dem neuen Griechenland in den Jahrzehnten bis zur
kleinasiatischen Katastrophe. Im Dreieck Lesbos/Mitilini, Manisia, dem alten
Magnesia am Sipylos, und Smyrna entsteht ein Bild vom Lebensgefühl und Miteinander
von Menschen verschiedener ethnischer Herkunft, Griechen, Osmanen und Armenier,
an der kleinasiatischen Küste. Es ist die Welt des grenzüberschreitenden internationalen
Handels auf der Basis der regionalen Produkte und der gemeinsamen ökonomischen
Interessen der Oberschichten, bis 1921 die Folge der Politik der "Megali Idea"
dieser Idylle ein Ende setzt. Dem Autor gelingt es, ein Bild der Koexistenz
in der Zeitspanne bis zur Katastrophe zu zeichnen, also bevor die kriegerischen
Auseinandersetzung gegen Ende der Nationalstaatsbildung von Griechenland und
moderner Türkei diese friedliche Welt endgültig beenden und die unvorstellbar
großen Bevölkerungsverschiebungen immenses Leid und eine Abgrenzung von Griechen
und Türken bringt, die bis heute nachwirkt.
Mein derzeitiger Favorit ist dank Youtube dieser Aussschnitt aus Kosta
Ferris Kultfilm Rembetiko.
Sehr gefühlvoll und vor mitgehendem griechischem Publikum singt Frangoulis
2001 life das berühmte 'Sto
perigali ..' von Mikis Theodorakis. - Unter 'Mein Hellas' erscheinen im
YouTube-Fenster weitere Lieder von Theodorakis und mit Maria Farantouri.
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[1] Ein griechischer Schriftsteller darf
das so sagen! Das muss natürlich den umstrittenen Satz des deutschen
Historikers Jakob Philipp Fallmerayer (1790-1861) wachrufen, der 1830
in seiner Vorrede zu seiner "Geschichte der Halbinsel Morea während
des Mittelalters" geschrieben hatte: "Das Geschlecht der Hellenen
ist in Europa ausgerottet [...] Denn auch nicht ein Tropfen edlen und ungemischten
Hellenenblutes fließt in den Adern der christlichen Bevölkerung
des heutigen Griechenlands". Generationen von vor allem griechischern
Historikern mussten sich seitdem mit der Tatsache von Albaner- und Slaweneinwanderung
sowie deren Einfluss auf die griechishe Nation auseinandersetzen.
16.7.2008
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